Das Hermsdorfer Kreuz kennt jeder. Jeder? Vielleicht fast ein jeder. Hier kreuzen sich die große Nord-Süd-Autobahn A9 mit der von West nach Ost verlaufenden A4. Die BAB A9 beginnt am AD Potsdam des Berliner Ringes (BAB A10) und endet, nachdem sie den Münchner Ring (BAB A99) gekreuzt hat im Stadtgebiet der bayerischen Hauptstadt. Die BAB A4 durchmisst Deutschland von Aachen an der deutsch-belgischen bis Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze. Nahe des Hermsdorfer Kreuzes war Deutschlands größter Reichsautobahn-Rasthof geplant und die Realisierung auch begonnen worden. Natürlich war dieser wichtige Kreuzungspunkt auch prädestiniert für eine Straßenmeisterei. Im Bereich des Kreuzes gilt es in allen vier Himmelsrichtungen zahlreiche Brückenbauwerke zu überwachen und das Holzland, wie die Gegend ihres Holzreichtums wegen heißt, stellt in der kalten Jahreszeit die Straßenwärter vor große Probleme. Entsprechend der Konzeption zur Errichtung und Arbeit der Straßenmeistereien für die Reichsautobahnen sollten die Mitarbeiter ausreichend nahe genug bei den Meistereigehöften wohnen. Da die Gehöfte und somit die Wohnungen oftmals abseits von Dörfern oder Städten errichtet wurden, sollten außerdem Möglichkeiten einer gewissen Versorgungs-Autarkie hinsichtlich von Produkten, die jedermann in einem kleinen Garten anbauen konnte, gegeben sein. Die Versorgung mit Frischobst sollten Streuobstwiesen gewährleisten. ![]() Bild 1: Eines der sechs Wohnhäuser der Straßenmeisterei in Hermsdorf/Th. Während die Straßenmeisterei Hermsdorf/Thüringen unmittelbar an der Anschlussstelle Hermsdorf (heute AS Hermsdorf-Süd), südlich des Autobahnkreuzes errichtet wurde, baute man am Ortsrand der Stadt, in der heutigen Mendelsohnstraße, sechs Wohnhäuser. Die Anzahl geht aus einer Meldung im Doppelheft 3/4 der Zeitschrift »Der Straßenmeister« des Jahres 1941 hervor. Dort heißt es in einer Kurzmitteilung: "Bezug des sechsten Wohnhauses in der Sm Hermsdorf.". Der genaue Name der Siedlung oder der Straße konnte noch nicht ermittelt werden, doch liegt die Vermutung nahe, das der bei den Einwohnern1 der Mendelsohnstraße noch heute geläufige Begriff "Die Autobahnsiedlung" identisch oder ähnlich dem ursprünglichen Straßennamen vor 1945 war. ![]() Bild 9: Die Siedlung für die Straßenmeisterei Hermsdorf/Th. besteht aus 6 Einfamilienhäusern Grundsätzlich war jede Wohnstatt gestaltet mit
Die Wohnhäuser sind den Bildern nach zu urteilen unterkellert. Mit dem Nebengebäude besteht eine Verbindung durch einen kleinen Zwischenbau. Giebel und die Gauben haben eine Verkleidung mit Holz. Der Hauptzugang zum Wohnhaus erfolgt von der Straße aus; weitere Nebeneingänge ermöglichten bzw. ermöglichen einen Zugang durch die Nebengebäuden. ![]() Bilder 3, 4 und 5: Diese Bildabfolge zeigt die für alle Häuser einheitliche Gliederung Wohnhaus, Verbindungsbau und Nebengebäude. Um heutigen Anforderungen zu entsprechen, wurde manches der Nebengebäude zu einer Garage umgebaut.
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Mit der Gesamtgestaltung entsprechen die Grundstücke den Forderungen, welche Bonatz und Wehner in ihrem "Werkheft der Reichsautobahnmeistereien 1" erhoben hatten: "Die Fortsetzung oder Wiedergewinnung einer tätigen Verbindung mit dem Grund und Boden ist durch eine Zugabe von Gartenland (etwa 400-600 m² je nach Bodengüte) zu fördern."2 ![]() Bild 2: Ein weiteres Wohnhaus in der reihenförmig angeordneten Einzelhaus-Siedlung Nach der politischen Wende in der DDR wurden die Wohnhäuser renoviert und an Erwerbswillige veräußert. Das Bild Nr. 6 von 2012 zeigt, wie mit finanziellem und arbeitsintensivem Aufwand diese nunmehr ca. 70 Jahre alten Häuser erhalten und neugestaltet wurden ![]() Ehemals in die freie Flur reichende Gartenanlagen hinter dem Haus boten sehr gute Möglichkeiten zur Versorgung des eigenen Haushaltes mit Gartenerzeugnissen. ![]() Die Grundstücke werden an ihrer Rückseite durch einen Zaun begrenzt (Bild 10). Den Lärm der in ca. 500 m Entfernung vorbeiführenden Autobahn (heute BAB A9) dämmt eine Buchenstammhecke (Bild 11). Ob sie bereits zur Erbauungszeit der Häuser angepflanzt wurde, entzieht sich leider der Kenntnis der Autoren. ![]() ![]() Bild 8 ist mit großer Wahrscheinlichkeit jenes Haus, dessen Bezug im Jahre 1941 die Zeitschrift »Der Straßenmeister"« meldete. Es zeigt sich heute natürlich in modernisierter Gestaltung ![]()
1 Gedächtnisprotokoll nach dem Gespräch mit einer Einwohnerin der Mendelsohnstraße im Juli 2012 2 Paul Bonatz und Bruno Wehner: »Reichsautobahn-Straßenmeistereien«, Werkhefte der Reichsautobahnen, Volk und Reich Verlag Berlin Prag Wien, 1942
Text: H. Schneider, Naumburg (Saale) und J. Thiem, Hermsdorf;
Bilder 1 - 5: J. Thiem, Hermsdorf, 09.07.2012 Bilder 6 - 11: H. Schneider, Naumburg (Saale), 08.07.2012
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